Lehre

 
Bedingungslose Lust
Gedanken zur Lehre in den Baukunstklassen (BA/MA)

„Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, daß er seine Daseinsberechtigung hat, dann muß es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann. Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muß geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müßte geschehn; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, daß es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein.“ (Robert Musil)

Die Baukunstklasse I im Bachelor-Studiengang der Fachgruppe Architektur an der Staatlichen Akademie für Bildende Kunst beschäftigt sich mit den Themenbereichen Grundlagen, Entwerfen und Wohnbau.

Die Baukunstklasse II im Master-Studiengang der Fachgruppe Architektur an der Staatlichen Akademie für Bildende Kunst beschäftigt sich mit den Themenbereichen Architektur und Wohnbau. Die Klasse Architektur und Wohnbau bildet gemeinsam mit der Klasse Architektur und Typologie und der Klasse für Städtebau den Master-Schwerpunkt Stadt_Gebäude.

Das Ornament ist das Bild ist das Gebäude ist ist die Figur ist die Botschaft.
(Gebaute Bilder, SPLITTERWERK 2009)

Als Lehrender an Akademien, Hochschulen und Universitäten geht es mir – und wird es mir auch in Zukunft immer darum gehen – neben meinem täglichen Job, Zeit und Kraft für das Andere, für das Besondere aufzubringen. Unter täglichen Job verstehe ich nicht nur Vorbereitung und Abhaltung von Übungen, Seminaren und Vorlesungen, sondern genauso Gastkorrekturen und Gastvorträge zu organisieren, Wettbewerbe zu veranstalten, Studien für Studierende aus der freien Wirtschaft zu akquirieren, Ausstellungsbesuche, Projektbegehungen, Atelierbesuche und Exkursionen durchzuführen.

Unter dem Besonderen verstehe ich neue Standards zu setzen, neue Standards in der Lehre und in der Forschung. Das ist anstrengend und bedeutet Mehraufwand – für Studierende, für Unterrichtende und auch für den ganzen Studiengang und seinen Staff.

Ich werde Studierenden nicht sagen wie Architektur auszusehen hat, oder was Architektur ist – sondern sie auf eine Reise schicken, deren Ausgangspunkt und Richtung die Studierenden selbst vorgeben können, wenn sie wollen. Ich werde ihnen auch nicht ihre Destination oder ihre Ziele vorschreiben, ich sehe mich verantwortlich Entscheidungshilfen zu bieten, ihnen meine Erfahrung und mein Wissen zur Verfügung zu stellen, sie in ihrer persönlichen Arbeitsweise zu unterstützen, ihre Talente fördern, ihre Schwächen aufzuzeigen und sie auf ihrem Weg eine Zeitlang zu begleiten. Wichtig ist es bei aller Unterstützung zur Mit- und Selbstbestimmung, seitens der Unterrichtenden trotzdem klare Strukturen anzubieten um die Übermittlung und Festigung von Basiswissen zu gewährleisten, das in der Berufspraxis unabdingbar notwendig ist. Mit viel Einsatz aller, Lehrender und Studierender – und den kann es nur geben, wenn sehr viel Liebe zur Aufgabe vorliegt – ist eine transdisziplinäre Baukunstausbildung besonders gut in den kleinen aber feinen Klassen an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste möglich.

Dazu Angelika Fitz über SPLITTERWERK im Rahmen der Biennale in Sao Paulo 2005: „(…) Untrennbar verbunden mit der Frage: „Wie werden wir wohnen in unseren Städten?“ sind neue Beziehungen zwischen Stadt und Land oder Zentrum und Peripherie, vor allem aber das fortschreitende Einbrechen des medialen in den gebauten Raum. SPLITTERWERK entwickelt seit Ende der 1980er Jahre architektonische Konzepte, die sich in exemplarischer Weise mit der zunehmenden Verschränkung von gebauten und medialen Räumen befassen. Analoge und digitale ‚schaltbare Gefüge‘ transformieren modernistische Vorstellungen von fließenden Raumkontinuen für das 21. Jahrhundert. In den Multiinzidenten Hüllen der Grazer Wohnung werden Wände, Decken und Boden zu maßgeschneiderten, bildhaften ‚Interspaces’, in denen sich ‚on demand’ Funktionen zuschalten lassen. Die Erforschung von experimentellen Oberflächen, von Beschichtungen und Reliefs aus computergenerierten Mustern bis hin zu elektronisch gesteuerten, bisweilen interaktiven Projektionen oder selbstleuchtenden Oberflächen, führt SPLITTERWERK zu einer grundsätzlichen Neubewertung nicht nur des Ornamentalen, sondern insgesamt der Oberfläche in der Architektur. Die Oberflächenwirkung wird entscheidend, und dabei ist die Architektur nicht Träger der raumbildenden Oberfläche, wie noch bei Gottfried Semper, die Architektur ist die Oberfläche. Der Vorgang kehrt sich um, SPLITTERWERK erfinden statt Oberflächen für Räume, Räume für Oberflächen.(…)“